Archiv der Kategorie 'Texte'

Science – Keep it hidden!?

Ein Freund von mir, hat mich auf einen Post auf lesswrong.com hingewiesen – ein Blog, dem ich mal meine Aufmerksamkeit schenken sollte. Der Beitrag heißt To Spread Science, Keep It Secret, ist nicht ganz ernst gemeint und sicherlich auch inspirierend und komisch, allerdings falsch. Aber er ist ein schöner Witz, dessen Pointe ich auch gar nicht verraten will.

I mean, right now, people can study science but they don‘t.

Mit dieser Feststellung beginnt der Beitrag von Eliezer_Yudkowsky, der einen Vorschlag unterbreitet, wie Wissenschaft attraktiver gemacht werden könnte: Verpackt es in möglichst mystische Kulte und Geheimbünde! Dadurch wird ein Mangel erzeugt, der es reizvoller macht, sich mit Wissenschaft auseinander zu setzen. Denn alle wollen Mitglied in einem Geheimbund sein, über geheimes Wissen verfügen und geheime Kräfte anwenden können! Oder nicht?

Leider stimmt die zitierte Aussage überhaupt nicht. Das eigentliche Problem macht Eliezer_Yudkowsky selber etwas weiter unten aus:

Now, I know what you‘re going to say: „But science is surrounded by fearsome initiation rituals! Plus it’s inherently difficult to learn! Why doesn‘t that count?“ Because the public thinks that science is freely available, that’s why. If you‘re allowed to learn, it must not be important enough to learn.

In der Tat ist ein Studium von unglaublichen Hürden umgeben, so dass die meisten Menschen kaum in der Lage sind, sich die Welt akademisch zu erschließen. Trotzdem tun es enorm viele Menschen. Im Gegensatz zum konstatierten Problem, haben es wir es sogar eher mit einer fatalen Wissenschaftsgläubigkeit zu tun, bei der wir schon heute (und gestern auch schon) das vorgeschlagene Umschlagen von Aufklärung in Mythos beobachten können.
Gerade für dieses Phänomen ist der Beitrag ein gelungenes Beispiel. Wenn esrdas nicht wäre, könnte ich lachen.

xkcd.com/877 - mouseover-text findet ihr dort

Relativ ideologisch

In meinem Beitrag mit dem Titel „Erdbeben und Ideologie“ ging es um die Behauptung der Wissenschaftlerin Claudia von Werlhof, dass die USA hinter dem Erdbeben auf Haiti hätten stecken können und die Rückendeckung der Kommunistischen Partei Österreichs für von Werholfs Äußerungen. In der Erklärung der KPÖ, sowie in meinem Beitrag ging es auch darum, zu zeigen, dass Wissenschaft nicht frei von Interessen jenseits „urmenschlicher Neugier“ ist. Damit fing ich mir in den Kommentaren die Frage ein, was denn an „E=mc²“ ideologisch sei.

Da der Fragesteller vor kurzem wieder über HAARP – das Gerät mit dem die Amis angeblich Erdbeben oder anderen Kram verursachen – gebloggt hatte und dabei öfter auf die Diskussion um Frau von Werlhof verwies, bin ich wieder auf meinen Beitrag gestoßen. Und mit derartiger Verspätung, etwas dazu sagen. (mehr…)

Gegen die Moderne

Astronaut im Waschsalon von Hunter Freeman via bestbookmarks

Ein Kommentar zu „Internet und Bewusstsein“, der sonst nicht gelesen werden würde. Aber aufgrund seiner Melancholie will ich den nicht vorenthalten.

„[…] kaum ein fortschrittlicher Gedanke.“ Und wie sähe dieser aus? Bin hier per Scroogle gelandet: Blogs, Twitter, MySpace, Facebook, YouTube (Zeitverbraten^3) und den ganzen Dreck nutze ich nicht: Wikipedia ist meistens ein Gräuel, nur gut für einen kleinen Überblick. So wie es zur Zeit aussieht, haben diejenigen, die immer als „Pessimisten“ verschrien werden, recht: es bildet sich etwas neues heran – ein neuer Mensch –, der eben neu, aber dadurch noch nicht besser ist. Das – vor allem „tiefe“ – Lesen scheint einer fallstaff-artigen Fresserei gewichen: auch Camille Paglia, Anfangs noch angetan von der „Popular
Culture“, hat inzwischen ihre Meinung geändert und einen Band mit, ich glaube, 43 Gedichten innerhalb von fünf Jahren erarbeitet. Dies, um dagegen zu wirken – und vor allem Junge Menschen zu gewinnen –, gegen eine Kultur, da das Bild sowie vielleicht noch der kurze, vier
Wörter umfassende und fettgedruckte Satz den Geist prägen. Aber dies ist nur ein Beispiel, und hier spielen sicherlich für Paglia auch eigene Erinnerungen an Ihre Jugendzeit – die 60er und 70er – eine Rolle: die Zeit der Beats, der kunstschaffenden; der in San Francisco und New York in den Cafes Herumhängenden, die sich mit ein paar einfachen Jobs über Wasser hielten, was heute ebenfalls unmöglich geworden ist usw. usw. usw.
(http://www.themorningnews.org/archives/birnbaum_v/camille_paglia.php)

Geistesgrößen blieben seit dem Siegeszug des Kapitalismus und der Technik – vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten – jedenfalls aus. – Ähnliches findet sich schon bei Kraus und Tucholsky. Brillieren kann man heute nur noch in den Wissenschaften, und auch dort nur, wo’s
das Große Geld gibt, wie ich an eigenem Leib erfahren mußte.
Im übrigen ist das Netz selbst unbenutzbar geworden, hat sich zunehmend verschlechtert. zumindest dann, wenn man wie ich seit nun beinahe 20 Jahren mit Textbrowsern – vor allem natürlich lynx, dem Besten, den wir haben, aber auch w3m – unterwegs ist: viele Seiten, auch das „Online-Banking“, das ja eigentlich eine positive Entwicklung ist, viele Seiten lassen sich also ohne grafischen Brauser und natürlich ECMAscript mit all seinen Konsequenzen (wie z. B. Ajax, diese Pest) nicht mehr nutzen. Die Wikipedia sticht hier hervor, ist aber, wie gesagt,
meist nutzlos. Hier hat die E-Mail einen großen Vorteil (die aber, wie oft dümmlich herumkrakeelt wird, keineswegs den Brief ersetzt): nach wie vor kann man hier mit einfachem Text hantieren, also weiterhin die gute Software einsetzen. Das USENET, obwohl technisch mir schon sympathischer, da auch größtenteils nur mit reinem Text hantiert wird, das USENET also war noch nie meine Sache: mir gab das nichts, mit Wildfremden über allzu
Kostbares, das durch diese Geschwätzigkeit im Grunde entweiht würde, zu reden.

Und was bleibt dann noch? Die Seiten, die von Privatpersonen in ihrer freien Zeit mühsam von Hand erstellt wurden und um ein bestimmtes Thema – Geografie, Literatur, Wissenschaftsgeschichte, Kosmologie usw. – kreisten, diese verschwinden immer mehr: entweder, weil man das Material in die Wikipedia einbaute, oder man aber – auch durch Googles fragwürdiges PageRanking – verdrängt wurden etc. etc. etc. (oder es fehlte einfach das Geld, die Energie, oder man lebte ab – bitte ausführen, es gibt noch mehr Gründe, habe jedoch keine Lust, noch mehr zu schreiben.) So beschränkt sich mein Konsum inzwischen auf die ein
oder andere Scroogle-Suche und das Durchsuchen von Antiquariaten, das in der Tat sich sehr gemausert hat und hilfreich ist: aber auch Nachteile mit sich bringt. Nicht unbedingt böswillige, aber doch auch unehrliche, zumindest schludrige Personen handeln mit kaputter, in schlechtem Zustand sich befindeder Ware, obwohl der Text anders verlauten ließ. So ist auch dies ein bloßer Kompromiß: – man hat Zugriff auf ganze Bestände dutzender Antiquariate, doch meist mit schlechter, nicht zutreffender Beschreibung; nicht oft, aber doch auch gerne mal ein Zahlhickhack usw. Dazu das Zerstören von lokalen Antiquariaten – habe in meinem Orte leider keines, würde es wohl unterstützen, wenn ich könnte. So kauft man auch gut und gerne Bücher, die man eigentlich gar nicht kaufen wollte, da man niemals – oder vielleicht erst später, durch Literaturlisten o. Ä. – von ihnen gehört hätte. So aber nimmt auch
diese und jene Ausgabe, dieses und jenes Buch, was Vor- sowie Nachteile hat: da alles Vor- sowie Nachteile hat, was eine Binsenweisheit, aber eine wichtige ist, die wohl gerne vergessen wird etc. etc. etc.

Das Andere wäre dann eben mein Brotberuf, der einmal – und auch noch immer – mein Hobby war: das Hacken*. Auch das ist in den letzten Jahren zurückgegangen, die „Communitys“ sind mir inzwischen auch fremd, teilweise garstige Leute dort. So versuche ich zur Zeit, damit es nicht „umsonst“ war (es hat auch Spaß gemacht, sicher), so versuche ich also zur Zeit, „alte“ aber eben nach wie vor sehr gute ?n*x-Software auf den „neusten Stand“ zu patchen und
weiter zu pflegen, so wie es mir möglich ist. Doch auc hdaran zweifle ich inzwischen.

Vielleicht werde ich auch nur alt, aber ich muß doch oft staunen, wie gut verarbeitet ältere Bücher – so um 1800, +/- 60 – sind: wie satt auch heute noch der Druck, die schöne Fraktuschrift, sowie überhaupt die Sprachgewalt vieler Älterer: ich fühle mich dann immer beflügelt und schlecht zugleich.

O! so erschießt mich doch! so werft mich doch weg!

* Zur Zeit auch nur Systemadministrator, davor einige Zeit Systementwickler; natürlich eine Menge Patches sowie eigene Programme in C, Assembler, Shell, Perl, Python, … das üblich Zeug eben. (Zwar etwas Technisches studiert, jedoch keine Informatik.)

Verfasst am Jul 14, 10:45 AM

Früher war halt alles besser?

Astronaut auf einer Parkbank

FEMInistLAB

Femilab - Kontrollraum Das Femilab in der Nähe von Chicago war bis letztes Jahr das Forschungszentrum mit dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt: dem Tevatron.
Jetzt ist es vor kurzem durch den Large Hadron Collider (LHC) des CERN abgelöst worden.

Das überraschende am Femilab ist aber weder seine Architektur, noch mysteriöse bisher unentschlüsselte Briefe, sondern die Anzahl von Frauen die dort arbeitet: Knapp 40 % der beschäftigten sind Frauen, wofür das Zentrum 2006 von der Society of Women Engineers ausgezeichnet wurde. Aber auch hier gibt es seine Schattenseiten: Das Patriarchat sitzt fest im Sattel.

Trotzdem führt der Besuch einer Schulklasse zu solch schönen Ergebnissen (via geek feminism) (oder inzwischen eingedeutscht)vorhernacher1

* Among girls (14 in total), 36% portrayed a female scientist in the “before” drawing, and 57% portrayed a female scientist in the “after” drawing.
* Among boys (17 in total), 100% portrayed a male scientist in the “before” drawing, and 100% portrayed a male scientist in the “after” drawing.

China Mieville über die Marvi Marmara

China Miéville, Autor solch toller Romane wie Perdido Street Station oder großartiger Listen, welche SF-Romane einE SozialistIn heutzutage gelesen haben sollte (über beides wollte ich eigentlich irgendwann mal einzeln bloggen), hat mich schwer enttäuscht.

In seinem eigenen Blog, dem rejectamentalist manifesto, schreibt er über die Marvi Marmara und ob das „illegal“ war oder nicht: A cruel flaunting. Das Ergebnis des Postings ist für ihn: legal illegal scheißegal, Israel ist doof.
Er kritisiert die Gaza-AktivistInnen, dass sie die Operation des Militärs auf dem Rechtsweg angreifen wollen: Ein Kampf, den sie nur verlieren können, denn Israel ist (auch) auf diesem Feld der Stärkere und das zählt.
Ich teile seine Einschätzung dahingehend, dass mit dem derzeitigen Rechtssystem keine (vollständige?) Emanzipation zu machen ist, aber welche Wege rät er den Gaza-Soli-Leuten denn dann?

‘Fuck your law’

Damit kann Miéville eigentlich nur meinen: Klar illegale Aktivitäten gegen den israelischen Staat, das heißt seine jüdischen BürgerInnen und damit meint er sicherlich nicht, dass denen Hummus geklaut werden soll. Aber was soll ich da sagen: Er ist eben „Anti-Imperialist“ und das hätte mir ja schon längst klar sein können?

Solidarity, however, sometimes means disagreeing with comrades, debating on the same side of a barricade.

Ja, und zwischem wem steht hier die Barrikade? Zwischen Kapital und Arbeit stand sie auf der Marvi Marmara wohl kaum, ebenso wenig wurde da gegen das Patriarchat gekämpft. Zwei Themen zu denen sich China Miéville schonmal eigentlich … brauchbar geäußert hat, so dass ich denken konnte, wir stünden auf der gleichen Seite der Barrikade. Jetzt habe ich da so meine Zweifel.

So, jetzt habe ich genug zum Zynismus dieser Debatte beigetragen und mich geärgert, dass ich einen meiner Lieblingsautoren jetzt nicht mehr so toll finden kann. Trotzdem sind seine Romane lesenswert.

Anarchistische Technologie-Politik?

Hier und Jetzt CoverHier und Jetzt – Anarchistische Theorie und Praxis“ heißt die deutsche Fassung eines Buches von Uri Gordon, das im Original den Titel „Anarchy Alive! Anti-Authoritarian Politics from Practise to Theory“ trägt. Im Grunde ist das Buch ein Rundumschlag auf aktuelle Themen politischer Auseinandersetzung und zumindestens von den Kapitelüberschriften sehr interessant. Ich persönlich habe aber nur Kapitel 5 über Anarchismus und Technologie gelesen.

Uri Gordon beginnt vielversprechend, in dem er die Ambivalenz im Umgang mit Technologie betont: Auf der einen Seite nutzen „wir“ täglich und gerne einen Haufen moderner Hochtechnologie und andererseits sind wir „uns“ der Problematik bewusst: Heute Technologie sorgt „für die Aufrechterhaltung und Absicherung eines Kräfteverhältnisses“ (S. 178).
Was folgt ist die Darstellung einiger anarchistischer Praxen, die sich allerdings auf die Befreiung von Feldern beschränkt und dann der deutlich interessantere Teil: Kann Technologie denn noch etwas anderes, als Menschen unterdrücken?

Die Antwort von Uri Gordon ist ganz einfach: „Nein.“ Was ihn aber nicht daran hindert, Technologie zu nutzen und eine „subversive Mikropolitik“ zu entwickeln (er bezieht sich hier auf Xabier Barandiaran).
Für Gordon ist Summe aller Technologie ein „gesellschaftliches Projekt zum durchrationalisierten Aufbau von Überschüssen und Kapazitäten“ (S. 197) und es ist unmöglich moderne Technik dezentral ohne autoritäre Kontrolle zu nutzen (vgl. 195).
Das wundert nicht weiter, denn schon zu Beginn des Artikels „outet“ sich Gordon als Anarcho-Primitivist, eine Strömung, die er keineswegs diskreditieren möchte. Der Anarcho-Primitivismus zeichnet sich seiner Meinung nach durch folgendes aus:

- sehr starker, politischer, ökologischer und spiritueller Antagonismus gegenüber industrieller Entwicklung, Technologie und Hypermoderne
- Liebe zur unberührten Natur, ökofeministisches Bewusstsein und naturverbundene, nichtwestliche Spiritualität
- eine „maximalistische“ anarchistische Kritik an der auf Hierachien beruhenden Zivilisation und ihrer Geschichte („His-tory“) von Dominanz und Zerstörung seit den Anfängen von Domestizierung, Landwirtschaft und Staat
- eine Wiederentdeckung und Wertschätzung der Jäger- und Sammlergesellschaft als Ort primitiver – egalitärer, friedfertiger, müßiggängerischer, ekstatischer und mit den Kreisläufen der Natur verbundener – Anarchie.

Kurz: ein anti-modernistisches Weltbild, dass Geschichte nur als Verfallsgeschichte denken kann.
Gordon stellt fest, dass sich diese Position aber schlecht für eine Diskussion über Technologie eignet, versucht sich davon zu lösen, schafft es aber nicht. Weshalb dann auch der durchaus gut zu lesende Text, der sicherlich nicht dumm ist und einige gute Analysen beinhaltet, am Ende auf nichts anderes hinausläuft als: Permakultur.

Trotzdem ist es beeindruckend, dass Gordon sich auf der Höhe der Zeit befindet. Nicht nur, was die bewerteten Technologien (Nano-Technik, freie Software, Commons) betrachtet, sondern auch, dass er nicht nur vergilbte anarchistische „Theoretiker“ (wie Proudhon z.B.) zitiert, sondern es schafft sogar Nach-Kriegs-Überlegungen einzubeziehen (bspw. Marcuse oder Foucault). Das hatte ich nicht erwartet.

Dies bedarf also einer weiteren Auseinandersetzung. Denn überzeugen tut Gordon nicht, dafür fehlt es ihm einfach an Argumenten. Und er bräuchte schon gute. Die Selbstverständlichkeit mit der aber Alternativen zur „low-tech-Magie“ (vgl. 197ff) als unmöglich deklariert, alarmiert.

So sage ich mit Gordon: Gegen blinden Fortschrittsglauben!
Und gegen Gordon: Für begründete Fortschrittshoffnung! Für eine Gesellschaft in der die Technik nicht der gegenseitigen Unterdrückung der Menschen dient!

Ubuntu goes Feminism!

ubuntu women

Ubuntu-Women is a team functioning under Ubuntu to provide a platform and encouragement for women to contribute to Ubuntu-Linux, a Debian based free and open-source GNU/Linux software. Our main role will be along the lines of supplementing and being the stepping stone toward the larger Ubuntu-Linux world. Membership is open to all.

Und wer jetzt dachte, dass das die einzige Plattform für Frauen in der OpenSource-Welt sei, der irrt sich: Auch Debian, Fedora, Gnome, Apache und KDE haben Frauen-Netzwerke, denn nur 2,4 % der programmierenden Community sind weiblich.

Das scheint auch bitter nötig, denn die Mehrheit der Freie-Software-Szene ist alles andere als aufgeschlossen, wie zum Beispiel dieser Bericht zeigt: The Safety Dance (kommentiert von geek feminism).

Na hoffentlich ergehts dem Projekt nicht, wie den Piratinnen.