Archiv der Kategorie 'Steinzeit Internet'

Mangel oder Überfluss?

Leben wir in einer Mangel- oder einer Überflussgesellschaft? Transhumanist_innen sprechen im Zuge der Singularität gerne mal von „post-scarcity“, also einer Überwindung des Mangels. Endlich! Aber Albert Einstein sagte schon vor 100 Jahren, dass wir eigentlich in einer Überflussgesellschaft leben und schaut man sich die weltweite Vermögensverteilung an, drängt sich der Eindruck auf, dass der Mangel vielleicht eher ein Verteilungsproblem, als ein Reichtumsmangel ist.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass es Mangel gibt und weite Teile der Bevölkerung hungern oder wenigstens nicht alle ihre Bedürfnisse (schnelle Autos, schöne Wohnungen, funktionierende Fahrräder, Spielekonsolen) stillen können. Es lässt sich nicht abstreiten, dass es Überfluss gibt, wenn man sich verdeutlicht, wie viel Essen täglich weggeschmissen wird, wieviel Energie und Material und Zeit verschwendet wird. Das kann man jetzt beides beliebig vertiefen und ich habe das hier absichtlich läppisch ausgedrückt. Worum man erstmal nur schwer rumkommt ist, dass beide Aussagen ihre Berechtigung haben.

Die sich widersprechenden Thesen von herrschendem Mangel oder Überfluss scheinen also gleichzeitig wahr zu sein. Kurios genug. Doch der Knackpunkt ist doch ein anderer: Woher kommen Mangel und Überfluss? Die Mangel-These geht meistens von einer unzureichenden Produktivität aus, während die Überflussthese von einem Verteilungsproblem ausgeht. Die eine spricht also von einem technischen, die andere von einem gesellschaftlichen Problem. Das behalten wir kurz im Hinterkopf.

Die Mangel-These lässt sich nämlich so leicht den Spaß nicht verderben: Denn tatsächlich gibt’s eine Menge Bedürfnisse, die sich vermutlich nicht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln befriedigen lassen. Könnten wir denn heute, selbst bei optimaler Verteilung, alle gleichzeitig zum Mond reisen? Wohl kaum. Könnten wir alle von Tellern aus Platin essen und alle eine Villa für uns alleine haben, die so groß ist wie das Mittelmeer? Wohl kaum. Es lassen sich beliebig absurde Beispiele konstruieren. Wenn dazu gegriffen wird, ist meistens die argumentative Luft dünn. Aber als Antwort darauf von falschen Bedürfnissen zu sprechen, wäre ebenfalls verkehrt.
Die Mangel-These tut etwas richtig: Sie gesteht den Menschen unendliche Bedürfnisse zu.
Die Überfluss-These spricht schnell von Grundbedürfnissen, die sich für alle befriedigen lassen und alles weitere stellt sie zur Disposition, ob dass denn nötig sei. Da schreit man dann schnell nicht zu Unrecht „totalitär“ und „Diktatur über die Bedürfnisse“.
Hat also die Mangel-Theorie die besseren Annahmen über die Menschen? Nein.

Im Gegenteil hat sie die schlechteren. Denn sie betrachtet Menschen zu allererst als singuläre, kommunikationslose Wesen, die einzig über marktförmige Mechanismen miteinander verknüpft sind (also das was man geläufig homo oeconomicus nennt). Gesellschaft denkt sie gar nicht, außer, dass sie sie überflüssig machen will: Die Zeit nach dem Mangel ist so ein phantastischer Überfluss, dass jede zur Solipsistin werden kann, wenn sie möchte. Holodeck für alle!
Es geht an dieser Stelle nicht um die Frage, ob „Holodeck für alle!“ wünschenswert ist oder nicht, sondern darum, dass die Mangel-These unfähig ist, Gesellschaft zu denken: Menschen als miteinander sprechende Wesen, die etwas zusammen tun und alle verschieden sind. Für sie ist unvorstellbar, dass Menschen miteinander über ihre Bedürfnisse und eine gemeinsame Befriedigung dieser, reden (könnten). Stattdessen fallen diese vom Himmel, sind beliebig steigerbar und die Befriedigung kommt nicht von anderen Menschen, sondern von einer künstlichen Intelligenz oder Nano-Assemblern, die aus Scheiße Gold machen.

Dieser Gedanke ist nicht fertig.

Piraten! – mal wieder richtig doof

Vor einiger Zeit habe ich schonmal über darüber gebloggt, warum die Piratenpartei keiner Solidarität würdig ist: Piratinnen und andere Argumente gegen die Partei (in eine ähnliche Richtung geht auch der hier).
Doch sie hören nicht auf…

Ganz in meiner Nähe, in Frankenberg-Waldeck, hat der „Oberpirat“ Sascha Brandhoff einen offenen Brief an die Nationalen Sozialisten geschrieben.

Die Frage ist, ob ihr die Eier in der Hose habt und eure Anonymität aufgebt, oder ob ihr Angst um Leib und Leben habt? Ich versichere euch, dass keiner von uns hinter der nächsten Hauswand stehen wird, um euch brutal zu überfallen und ich verspreche auch, dass ich diese Cyber-Legion von Anonymous-Aktivisten zurückzuhalten werde, die euch mit Kabeln erdrosseln oder mit Tastaturen niederprügeln könnte. Kleiner Spaß mit den Anonymous-Aktivisten: Abseits ihres Computers und vor allem der Pizzeria sind die überhaupt nicht lebensfähig, deren Kryptonit ist Sonnenlicht und Sauerstoff, kurz SS.

Der Brief ist offensichtlich vor allem eins: saudumm. Vor allem weil er die Nationalen Sozialisten krass verharmlost. Die Piratenpartei beweist auf ein Neues, dass ihr Politik-Verständnis zurückgeblieben ist. Diesmal: Neonazis sind alle dumme Glatzen, die auf die Hauptschule gehen und es bloß nicht besser wissen.
Klar, es könnte auch mutig von Sascha sein, aber ist es nicht, wie die weitere Auseinandersetzung zeigt.

Denn lisa2 aus Marburg schrieb einen Flyer gegen die Piraten: „Piraten schlagen rechten Kurs ein“.
Und darauf hat Sascha Brandhoff auch wieder geantwortet, wieder in einem offenen Brief.

Dass er nichts versteht, zeigt er bei aller berechtigter Kritik an lisa2 schon im ersten Absatz:

Deshalb habe ich leider nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihr. Ich kann mich nicht in die Anonymität flüchten.

Was er meint ist, das übliche: Ihr bösen anonymen Basher im Internet, steht doch dazu!

Trotzdem macht es weder die Piraten noch Sascha selbst zu Nazis. Selbst wenn er sie auf ein Bier einlädt.
Wer glaubt, Nazis durch Dialog und Einbindung zähmen zu können, wer glaubt, man könnte sie kontrollieren, wer glaubt, man könnte Nationalsozialismus in kleinen Dosen durchaus gebrauchen nur übermäßig dürfte der Konsum nicht werden, wer glaubt er wäre einer nationalsozialistischen Bewegung gewachsen und könnte ihr demokratisch begegnen, der hat nicht aus der Geschichte gelernt.

Mehr noch. Schon vor dem 3. Reich hätten alle wissen können, dass das Quatsch ist. Die Nazis haben nie einen Hehl aus ihren Zielen gemacht. Heute machen sie es mehr als damals, nichtsdestotrotz sind sie offenbar.

Das wird immer einer der besten Witze der Demokratie bleiben, dass sie ihren Todfeinden die Mittel selbst stellte, durch die sie vernichtet wurde. Die verfolgten Führer der NSDAP traten als Abgeordnete in den Genuß der Immunität, der Diäten und der Freifahrkarte. Damit waren sie vor dem Angriff der Polizei gesichert u. durften sich mehr zu sagen erlauben als gewöhnliche Staatsbürger, u. ließen sich außerdem die Kosten ihrer Tätigkeit vom Feinde bezahlen.“ (Josef Goebbels)

ALERTA ANTIFASCISTA!

Warum ich kein Transhumanist bin

Science – Keep it hidden!?

Ein Freund von mir, hat mich auf einen Post auf lesswrong.com hingewiesen – ein Blog, dem ich mal meine Aufmerksamkeit schenken sollte. Der Beitrag heißt To Spread Science, Keep It Secret, ist nicht ganz ernst gemeint und sicherlich auch inspirierend und komisch, allerdings falsch. Aber er ist ein schöner Witz, dessen Pointe ich auch gar nicht verraten will.

I mean, right now, people can study science but they don‘t.

Mit dieser Feststellung beginnt der Beitrag von Eliezer_Yudkowsky, der einen Vorschlag unterbreitet, wie Wissenschaft attraktiver gemacht werden könnte: Verpackt es in möglichst mystische Kulte und Geheimbünde! Dadurch wird ein Mangel erzeugt, der es reizvoller macht, sich mit Wissenschaft auseinander zu setzen. Denn alle wollen Mitglied in einem Geheimbund sein, über geheimes Wissen verfügen und geheime Kräfte anwenden können! Oder nicht?

Leider stimmt die zitierte Aussage überhaupt nicht. Das eigentliche Problem macht Eliezer_Yudkowsky selber etwas weiter unten aus:

Now, I know what you‘re going to say: „But science is surrounded by fearsome initiation rituals! Plus it’s inherently difficult to learn! Why doesn‘t that count?“ Because the public thinks that science is freely available, that’s why. If you‘re allowed to learn, it must not be important enough to learn.

In der Tat ist ein Studium von unglaublichen Hürden umgeben, so dass die meisten Menschen kaum in der Lage sind, sich die Welt akademisch zu erschließen. Trotzdem tun es enorm viele Menschen. Im Gegensatz zum konstatierten Problem, haben es wir es sogar eher mit einer fatalen Wissenschaftsgläubigkeit zu tun, bei der wir schon heute (und gestern auch schon) das vorgeschlagene Umschlagen von Aufklärung in Mythos beobachten können.
Gerade für dieses Phänomen ist der Beitrag ein gelungenes Beispiel. Wenn esrdas nicht wäre, könnte ich lachen.

xkcd.com/877 - mouseover-text findet ihr dort

So kann SF politisch sein

Noch ein Beitrag, um den Mehrwert von phantastischer Literatur zu verdeutlichen. Oder anders: Zu zeigen, dass auch SF nicht bloß Schund ist.

Auf tor.com ist gerade eine Reihe von Artikeln zum SF-Autor Robert A. Heinlein. Er hat zahlreiche Geschichten geschrieben, darunter auch die Vorlage für den berüchtigen Streifen „Starship Troopers“ (Trailer).

Die Ambivalenz der Tatsache, das sich in phantastischer Literatur und vor allem solcher, die versucht sich mit der Zukunft der Menschen zu beschäftigen, immer Gesellschaftsbilder und -entwürfe der Autor_innen und ihrer Zeit niederschlagen, lässt sich auch an Heinlein beobachten.
So beschreibt einer der Artikel auf tor – „Heinlein: Forward-looking diversity advocate or sexist bigot? Yes“ – den Fakt, dass sich Heinlein mit seinem Verlag darüber stritt, dass er einen jüdischen Charakter auf Raummission schicken wollte. Dies wollte der amerikanische Verlag (im Jahr 1948) ablehnen, woraufhin Heinlein drohte das Buch woanders verlegen zu lassen. Mitch Wagner auf tor.com dazu:

This is all admirable, but let’s keep in mind what’s missing from this cast: Asians; disabled people; non-Americans of any kind; lesbians, gays, and the transgendered; Muslims, Buddhists, Hindus, or representatives of the other major world religions. Heinlein’s book was enormously ethnically diverse in that it included the full variety of American Judeo-Christian boys. […]
Also missing from Space Cadet: Girls.

Zwar ist das Genre, wie jede Literatur und Kunst, nutzbar, um gegen gesellschaftliche Normalzustände anzuschreiben, gleichzeitig werden aber selbstverständliche andere Stereotype reproduziert.

Bei SF kommt hinzu, dass sie von an Anfang an als “boys’ books” konzipiert war und überwiegend von Männern verfasst wird. So tradieren sich gewisse Erwartungen an Rollen in SF-Literatur und gleichzeitig das Bild von Science-Fiction Büchern und Filmen und … naja, ihr kennt diese dialektischen Teufelskreise.

Aber gerade in der Möglichkeit überhaupt andere Gesellschaften zu beschreiben, eben im utopischen Charakter von phantastischer Literatur, liegt ihr Potential. Und so konnten wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wachsende Zahl feministischer Science-Fiction entdecken und auch weiterhin werden Geschlechterrollen und andere Auschluss- und Unterdrückungsmechanismen thematisiert.

Gerade weil SFF viel von jungen Menschen gelesen wird, sollte die Möglichkeit es auch als Medium progressiver Vorstellung zu nutzen, wahrgenommen werden!

Mehr dazu später.

Besser als F******-DFB!


Botjunkie hat noch mehr Videos von unseren 11-Roboter-Freunden. Die haben dann auch keinen „inneren Reichsparteitag“.

China Mieville über die Marvi Marmara

China Miéville, Autor solch toller Romane wie Perdido Street Station oder großartiger Listen, welche SF-Romane einE SozialistIn heutzutage gelesen haben sollte (über beides wollte ich eigentlich irgendwann mal einzeln bloggen), hat mich schwer enttäuscht.

In seinem eigenen Blog, dem rejectamentalist manifesto, schreibt er über die Marvi Marmara und ob das „illegal“ war oder nicht: A cruel flaunting. Das Ergebnis des Postings ist für ihn: legal illegal scheißegal, Israel ist doof.
Er kritisiert die Gaza-AktivistInnen, dass sie die Operation des Militärs auf dem Rechtsweg angreifen wollen: Ein Kampf, den sie nur verlieren können, denn Israel ist (auch) auf diesem Feld der Stärkere und das zählt.
Ich teile seine Einschätzung dahingehend, dass mit dem derzeitigen Rechtssystem keine (vollständige?) Emanzipation zu machen ist, aber welche Wege rät er den Gaza-Soli-Leuten denn dann?

‘Fuck your law’

Damit kann Miéville eigentlich nur meinen: Klar illegale Aktivitäten gegen den israelischen Staat, das heißt seine jüdischen BürgerInnen und damit meint er sicherlich nicht, dass denen Hummus geklaut werden soll. Aber was soll ich da sagen: Er ist eben „Anti-Imperialist“ und das hätte mir ja schon längst klar sein können?

Solidarity, however, sometimes means disagreeing with comrades, debating on the same side of a barricade.

Ja, und zwischem wem steht hier die Barrikade? Zwischen Kapital und Arbeit stand sie auf der Marvi Marmara wohl kaum, ebenso wenig wurde da gegen das Patriarchat gekämpft. Zwei Themen zu denen sich China Miéville schonmal eigentlich … brauchbar geäußert hat, so dass ich denken konnte, wir stünden auf der gleichen Seite der Barrikade. Jetzt habe ich da so meine Zweifel.

So, jetzt habe ich genug zum Zynismus dieser Debatte beigetragen und mich geärgert, dass ich einen meiner Lieblingsautoren jetzt nicht mehr so toll finden kann. Trotzdem sind seine Romane lesenswert.