Archiv für April 2013

Mangel oder Überfluss?

Leben wir in einer Mangel- oder einer Überflussgesellschaft? Transhumanist_innen sprechen im Zuge der Singularität gerne mal von „post-scarcity“, also einer Überwindung des Mangels. Endlich! Aber Albert Einstein sagte schon vor 100 Jahren, dass wir eigentlich in einer Überflussgesellschaft leben und schaut man sich die weltweite Vermögensverteilung an, drängt sich der Eindruck auf, dass der Mangel vielleicht eher ein Verteilungsproblem, als ein Reichtumsmangel ist.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass es Mangel gibt und weite Teile der Bevölkerung hungern oder wenigstens nicht alle ihre Bedürfnisse (schnelle Autos, schöne Wohnungen, funktionierende Fahrräder, Spielekonsolen) stillen können. Es lässt sich nicht abstreiten, dass es Überfluss gibt, wenn man sich verdeutlicht, wie viel Essen täglich weggeschmissen wird, wieviel Energie und Material und Zeit verschwendet wird. Das kann man jetzt beides beliebig vertiefen und ich habe das hier absichtlich läppisch ausgedrückt. Worum man erstmal nur schwer rumkommt ist, dass beide Aussagen ihre Berechtigung haben.

Die sich widersprechenden Thesen von herrschendem Mangel oder Überfluss scheinen also gleichzeitig wahr zu sein. Kurios genug. Doch der Knackpunkt ist doch ein anderer: Woher kommen Mangel und Überfluss? Die Mangel-These geht meistens von einer unzureichenden Produktivität aus, während die Überflussthese von einem Verteilungsproblem ausgeht. Die eine spricht also von einem technischen, die andere von einem gesellschaftlichen Problem. Das behalten wir kurz im Hinterkopf.

Die Mangel-These lässt sich nämlich so leicht den Spaß nicht verderben: Denn tatsächlich gibt’s eine Menge Bedürfnisse, die sich vermutlich nicht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln befriedigen lassen. Könnten wir denn heute, selbst bei optimaler Verteilung, alle gleichzeitig zum Mond reisen? Wohl kaum. Könnten wir alle von Tellern aus Platin essen und alle eine Villa für uns alleine haben, die so groß ist wie das Mittelmeer? Wohl kaum. Es lassen sich beliebig absurde Beispiele konstruieren. Wenn dazu gegriffen wird, ist meistens die argumentative Luft dünn. Aber als Antwort darauf von falschen Bedürfnissen zu sprechen, wäre ebenfalls verkehrt.
Die Mangel-These tut etwas richtig: Sie gesteht den Menschen unendliche Bedürfnisse zu.
Die Überfluss-These spricht schnell von Grundbedürfnissen, die sich für alle befriedigen lassen und alles weitere stellt sie zur Disposition, ob dass denn nötig sei. Da schreit man dann schnell nicht zu Unrecht „totalitär“ und „Diktatur über die Bedürfnisse“.
Hat also die Mangel-Theorie die besseren Annahmen über die Menschen? Nein.

Im Gegenteil hat sie die schlechteren. Denn sie betrachtet Menschen zu allererst als singuläre, kommunikationslose Wesen, die einzig über marktförmige Mechanismen miteinander verknüpft sind (also das was man geläufig homo oeconomicus nennt). Gesellschaft denkt sie gar nicht, außer, dass sie sie überflüssig machen will: Die Zeit nach dem Mangel ist so ein phantastischer Überfluss, dass jede zur Solipsistin werden kann, wenn sie möchte. Holodeck für alle!
Es geht an dieser Stelle nicht um die Frage, ob „Holodeck für alle!“ wünschenswert ist oder nicht, sondern darum, dass die Mangel-These unfähig ist, Gesellschaft zu denken: Menschen als miteinander sprechende Wesen, die etwas zusammen tun und alle verschieden sind. Für sie ist unvorstellbar, dass Menschen miteinander über ihre Bedürfnisse und eine gemeinsame Befriedigung dieser, reden (könnten). Stattdessen fallen diese vom Himmel, sind beliebig steigerbar und die Befriedigung kommt nicht von anderen Menschen, sondern von einer künstlichen Intelligenz oder Nano-Assemblern, die aus Scheiße Gold machen.

Dieser Gedanke ist nicht fertig.