Archiv für August 2010

Relativ ideologisch

In meinem Beitrag mit dem Titel „Erdbeben und Ideologie“ ging es um die Behauptung der Wissenschaftlerin Claudia von Werlhof, dass die USA hinter dem Erdbeben auf Haiti hätten stecken können und die Rückendeckung der Kommunistischen Partei Österreichs für von Werholfs Äußerungen. In der Erklärung der KPÖ, sowie in meinem Beitrag ging es auch darum, zu zeigen, dass Wissenschaft nicht frei von Interessen jenseits „urmenschlicher Neugier“ ist. Damit fing ich mir in den Kommentaren die Frage ein, was denn an „E=mc²“ ideologisch sei.

Da der Fragesteller vor kurzem wieder über HAARP – das Gerät mit dem die Amis angeblich Erdbeben oder anderen Kram verursachen – gebloggt hatte und dabei öfter auf die Diskussion um Frau von Werlhof verwies, bin ich wieder auf meinen Beitrag gestoßen. Und mit derartiger Verspätung, etwas dazu sagen. (mehr…)

So kann SF politisch sein

Noch ein Beitrag, um den Mehrwert von phantastischer Literatur zu verdeutlichen. Oder anders: Zu zeigen, dass auch SF nicht bloß Schund ist.

Auf tor.com ist gerade eine Reihe von Artikeln zum SF-Autor Robert A. Heinlein. Er hat zahlreiche Geschichten geschrieben, darunter auch die Vorlage für den berüchtigen Streifen „Starship Troopers“ (Trailer).

Die Ambivalenz der Tatsache, das sich in phantastischer Literatur und vor allem solcher, die versucht sich mit der Zukunft der Menschen zu beschäftigen, immer Gesellschaftsbilder und -entwürfe der Autor_innen und ihrer Zeit niederschlagen, lässt sich auch an Heinlein beobachten.
So beschreibt einer der Artikel auf tor – „Heinlein: Forward-looking diversity advocate or sexist bigot? Yes“ – den Fakt, dass sich Heinlein mit seinem Verlag darüber stritt, dass er einen jüdischen Charakter auf Raummission schicken wollte. Dies wollte der amerikanische Verlag (im Jahr 1948) ablehnen, woraufhin Heinlein drohte das Buch woanders verlegen zu lassen. Mitch Wagner auf tor.com dazu:

This is all admirable, but let’s keep in mind what’s missing from this cast: Asians; disabled people; non-Americans of any kind; lesbians, gays, and the transgendered; Muslims, Buddhists, Hindus, or representatives of the other major world religions. Heinlein’s book was enormously ethnically diverse in that it included the full variety of American Judeo-Christian boys. […]
Also missing from Space Cadet: Girls.

Zwar ist das Genre, wie jede Literatur und Kunst, nutzbar, um gegen gesellschaftliche Normalzustände anzuschreiben, gleichzeitig werden aber selbstverständliche andere Stereotype reproduziert.

Bei SF kommt hinzu, dass sie von an Anfang an als “boys’ books” konzipiert war und überwiegend von Männern verfasst wird. So tradieren sich gewisse Erwartungen an Rollen in SF-Literatur und gleichzeitig das Bild von Science-Fiction Büchern und Filmen und … naja, ihr kennt diese dialektischen Teufelskreise.

Aber gerade in der Möglichkeit überhaupt andere Gesellschaften zu beschreiben, eben im utopischen Charakter von phantastischer Literatur, liegt ihr Potential. Und so konnten wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wachsende Zahl feministischer Science-Fiction entdecken und auch weiterhin werden Geschlechterrollen und andere Auschluss- und Unterdrückungsmechanismen thematisiert.

Gerade weil SFF viel von jungen Menschen gelesen wird, sollte die Möglichkeit es auch als Medium progressiver Vorstellung zu nutzen, wahrgenommen werden!

Mehr dazu später.

In welcher Stadt wollen wir leben?

Eine kleine Auswahl dis_utopischer Stadtansichten.
Paris im Jahr 3000
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Mal wieder: Kino gegen Technik

Wie werden Roboter meistens in Medien verarbeitet? VERNICHTUNG!
Ob Skynet in „Terminator“ den nuklearen Erstschlag ausführt, HAL 9000 in „2001: Odyssee im Weltraum“ seine Schützlinge töten will, die Maschinen sich in „Matrix“ von den Menschen emanzipieren und sie als Batterie benutzen; die künstlichen Geschöpfe sind böse.
Selten sind einzelne Maschinen auch mal auf der guten Seite, wie „Data“ aus Star Trek: The Next Generation (der sich todesmutig gegen die „Borg“, Maschinen-Menschen, die das Leben „assimilieren“ wollen) oder „Sonny“ aus „I, Robot“ (wo selbstverständlich die Mehrheit von Sonnys Genoss_innen die Menschheit vernichten will).

So ist das auch bei: AUTOMATONS – einem Film, dem man nicht ansieht, dass er von 2006 ist. Aber das ist wohl gewollt. Im simulationsraum wurde der Film rezensiert und als sehenswert begutachtet, auch wenn, wie sollte es anders sein: Die Erlösung am Ende auch nur durch die Vernichtung aller Maschinen herbeigeführt werden kann.

Der Trailer sieht auch wirklich trashig aus, da drücken wir beim schicksalshaften Primitivismus nochmal ein Auge zu.

Science-Fiction für Linke!

Ihr alle solltet mehr lesen! Auch ab und zu mal Kurzgeschichten oder einen Roman. Und vielleicht auch mal (wieder) Science-Fiction. Und nicht nur die männlichen Nerds unter euch. Auch für Frauen, Queer-Feminist_innen und solche, die nicht technikbegeister sind können bei SF auf ihre Kosten kommen. Aber was?

China Mieville (selbst Autor) empfiehlt: 50 Bücher, die ein_e Sozialist_in gelesen haben sollte!

This is not a list of the “best” fantasy or SF. There are huge numbers of superb works not on the list. Those below are chosen not just because of their quality—which though mostly good, is variable—but because the politics they embed (deliberately or not) are of particular interest to socialists.

Wer lieber auf Kurzgeschichten steht, dem sei die Zeitschrift „Pandora“ des shayol-Verlags ans Herz gelegt. Aber meine Versuche über die Verlagshomepage oder den Buchhandel zu bestellen, waren eine Katastrophe. Habe sie nur antiquarisch bekommen.

Und für den Evergreen „Plant der Habenichtse“ (original: The Dispossessed“) von Ursula K. LeGuin, der auch schon in der „Straßen aus Zucker“ erwähnt wurde, empfehle ich dieses blog: Everybody on Anarres is a revolutionary.
Da wird vielleicht auch deutlich, warum es für Linke auch „politisch“ lohnend sein kann, Science-Fiction zu lesen.

Genug Werbung. :)

Neues Album von Johnny Mauser

Bei Keny habe ich entdeckt, dass die linken Rapper Johnny Mauser und Captain Gips ein neues Album herausgebracht haben: Neonschwarz. Zwar verzichten die beiden auf die Angabe einer Creative-Commons-Lizenz, stellen das Album aber zum Download frei.

Aufmerksam ist auch schon der Verfassungsschutz geworden: Der sieht in dem Lied „Flora bleibt“ (siehe unten) „eine neue Qualität“, da das Lied zur Gewalt aufrufe und gerade Jugendliche nicht wüssten, dass es dann auch zu „körperlichen Schäden“ an Polizei und Jugendlichen kommen kann.

Anders als Keny freue ich mich aber, dass das Album nicht noch prolliger geworden ist, als Antifa-Rap eh schon ist. Auch wenn die beiden im Intro singen, dass sie keine Musik für Macker, sondern „für sie“ und „für ihn“ machen wollen, zeigt ja auch gerade der erwähnte Track mit seinen dramatischen Tönen, dass nicht immer gut klappt.

Trotzdem insgesamt ein nettes Album.

Gegenstand der Kritik: „Flora bleibt“ von Johnny Mauser und Captain Gips

Gegen die Moderne

Astronaut im Waschsalon von Hunter Freeman via bestbookmarks

Ein Kommentar zu „Internet und Bewusstsein“, der sonst nicht gelesen werden würde. Aber aufgrund seiner Melancholie will ich den nicht vorenthalten.

„[…] kaum ein fortschrittlicher Gedanke.“ Und wie sähe dieser aus? Bin hier per Scroogle gelandet: Blogs, Twitter, MySpace, Facebook, YouTube (Zeitverbraten^3) und den ganzen Dreck nutze ich nicht: Wikipedia ist meistens ein Gräuel, nur gut für einen kleinen Überblick. So wie es zur Zeit aussieht, haben diejenigen, die immer als „Pessimisten“ verschrien werden, recht: es bildet sich etwas neues heran – ein neuer Mensch –, der eben neu, aber dadurch noch nicht besser ist. Das – vor allem „tiefe“ – Lesen scheint einer fallstaff-artigen Fresserei gewichen: auch Camille Paglia, Anfangs noch angetan von der „Popular
Culture“, hat inzwischen ihre Meinung geändert und einen Band mit, ich glaube, 43 Gedichten innerhalb von fünf Jahren erarbeitet. Dies, um dagegen zu wirken – und vor allem Junge Menschen zu gewinnen –, gegen eine Kultur, da das Bild sowie vielleicht noch der kurze, vier
Wörter umfassende und fettgedruckte Satz den Geist prägen. Aber dies ist nur ein Beispiel, und hier spielen sicherlich für Paglia auch eigene Erinnerungen an Ihre Jugendzeit – die 60er und 70er – eine Rolle: die Zeit der Beats, der kunstschaffenden; der in San Francisco und New York in den Cafes Herumhängenden, die sich mit ein paar einfachen Jobs über Wasser hielten, was heute ebenfalls unmöglich geworden ist usw. usw. usw.
(http://www.themorningnews.org/archives/birnbaum_v/camille_paglia.php)

Geistesgrößen blieben seit dem Siegeszug des Kapitalismus und der Technik – vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten – jedenfalls aus. – Ähnliches findet sich schon bei Kraus und Tucholsky. Brillieren kann man heute nur noch in den Wissenschaften, und auch dort nur, wo’s
das Große Geld gibt, wie ich an eigenem Leib erfahren mußte.
Im übrigen ist das Netz selbst unbenutzbar geworden, hat sich zunehmend verschlechtert. zumindest dann, wenn man wie ich seit nun beinahe 20 Jahren mit Textbrowsern – vor allem natürlich lynx, dem Besten, den wir haben, aber auch w3m – unterwegs ist: viele Seiten, auch das „Online-Banking“, das ja eigentlich eine positive Entwicklung ist, viele Seiten lassen sich also ohne grafischen Brauser und natürlich ECMAscript mit all seinen Konsequenzen (wie z. B. Ajax, diese Pest) nicht mehr nutzen. Die Wikipedia sticht hier hervor, ist aber, wie gesagt,
meist nutzlos. Hier hat die E-Mail einen großen Vorteil (die aber, wie oft dümmlich herumkrakeelt wird, keineswegs den Brief ersetzt): nach wie vor kann man hier mit einfachem Text hantieren, also weiterhin die gute Software einsetzen. Das USENET, obwohl technisch mir schon sympathischer, da auch größtenteils nur mit reinem Text hantiert wird, das USENET also war noch nie meine Sache: mir gab das nichts, mit Wildfremden über allzu
Kostbares, das durch diese Geschwätzigkeit im Grunde entweiht würde, zu reden.

Und was bleibt dann noch? Die Seiten, die von Privatpersonen in ihrer freien Zeit mühsam von Hand erstellt wurden und um ein bestimmtes Thema – Geografie, Literatur, Wissenschaftsgeschichte, Kosmologie usw. – kreisten, diese verschwinden immer mehr: entweder, weil man das Material in die Wikipedia einbaute, oder man aber – auch durch Googles fragwürdiges PageRanking – verdrängt wurden etc. etc. etc. (oder es fehlte einfach das Geld, die Energie, oder man lebte ab – bitte ausführen, es gibt noch mehr Gründe, habe jedoch keine Lust, noch mehr zu schreiben.) So beschränkt sich mein Konsum inzwischen auf die ein
oder andere Scroogle-Suche und das Durchsuchen von Antiquariaten, das in der Tat sich sehr gemausert hat und hilfreich ist: aber auch Nachteile mit sich bringt. Nicht unbedingt böswillige, aber doch auch unehrliche, zumindest schludrige Personen handeln mit kaputter, in schlechtem Zustand sich befindeder Ware, obwohl der Text anders verlauten ließ. So ist auch dies ein bloßer Kompromiß: – man hat Zugriff auf ganze Bestände dutzender Antiquariate, doch meist mit schlechter, nicht zutreffender Beschreibung; nicht oft, aber doch auch gerne mal ein Zahlhickhack usw. Dazu das Zerstören von lokalen Antiquariaten – habe in meinem Orte leider keines, würde es wohl unterstützen, wenn ich könnte. So kauft man auch gut und gerne Bücher, die man eigentlich gar nicht kaufen wollte, da man niemals – oder vielleicht erst später, durch Literaturlisten o. Ä. – von ihnen gehört hätte. So aber nimmt auch
diese und jene Ausgabe, dieses und jenes Buch, was Vor- sowie Nachteile hat: da alles Vor- sowie Nachteile hat, was eine Binsenweisheit, aber eine wichtige ist, die wohl gerne vergessen wird etc. etc. etc.

Das Andere wäre dann eben mein Brotberuf, der einmal – und auch noch immer – mein Hobby war: das Hacken*. Auch das ist in den letzten Jahren zurückgegangen, die „Communitys“ sind mir inzwischen auch fremd, teilweise garstige Leute dort. So versuche ich zur Zeit, damit es nicht „umsonst“ war (es hat auch Spaß gemacht, sicher), so versuche ich also zur Zeit, „alte“ aber eben nach wie vor sehr gute ?n*x-Software auf den „neusten Stand“ zu patchen und
weiter zu pflegen, so wie es mir möglich ist. Doch auc hdaran zweifle ich inzwischen.

Vielleicht werde ich auch nur alt, aber ich muß doch oft staunen, wie gut verarbeitet ältere Bücher – so um 1800, +/- 60 – sind: wie satt auch heute noch der Druck, die schöne Fraktuschrift, sowie überhaupt die Sprachgewalt vieler Älterer: ich fühle mich dann immer beflügelt und schlecht zugleich.

O! so erschießt mich doch! so werft mich doch weg!

* Zur Zeit auch nur Systemadministrator, davor einige Zeit Systementwickler; natürlich eine Menge Patches sowie eigene Programme in C, Assembler, Shell, Perl, Python, … das üblich Zeug eben. (Zwar etwas Technisches studiert, jedoch keine Informatik.)

Verfasst am Jul 14, 10:45 AM

Früher war halt alles besser?

Astronaut auf einer Parkbank