Dafür hasse ich die Grünen

Die aktuelle Ausgabe der „Böll.Thema“: „Going Green“ ist ein Prachtstück verabscheuenswerter „grüner Ideologie“ im Sinne der grünen Parteien: Kleinbürgerlich und schnell bereit die Interessen der herrschenden Klasse zu vertreten. Denn wenn die Unterschrift von „Going Green“ „Trotz Kopenhagen – die grüne Zukunft hat schon begonnen“ heißt, ist damit nicht das grandiose Scheitern des Protests gemeint, sondern allen ernstes Ausdruck von Enttäuschung über den Verlauf der Konferenz.
Von der Querfront und Werbung für Wüstenkolonien…

Allein der erste Artikel: „Wir brauch einen Radikalität der Mitte“, ein Interview mit Anthony Giddens, einem der Chef-Ideologen der Labour-Partei, vor allem ein Denker bei deren Sozialgesetzgebung. (Auch wenn er sich nicht mit New Labour identifiziert und auch diese seinen Weisungen nicht folgte.)

Giddens beschwört hier die enorme Wichtigkeit des Klimawandels und dass er nicht mit links und rechts, sondern mit möglichst vielen bewältigt werden müsste (wer sind viele, wenn nicht die arbeitende Bevölkerung?) und dass eine Einheit von Utopie und Realpolitik benötigt wird (was ist das, wenn nicht Rosa Luxemburg?).

Das einzig sympathische ist der Vorwurf des Interviewers Fücks:

Anthony, Sie sind dem grünen Potenzial gegenüber sehr skeptisch. Sie bringen es stark mit vorindustrieller Romantik und einer anti-modernistischen Haltung in Verbindung. Auf mich wirkt das wie eine Karikatur und nicht wie ein realistisches Abbild grüner Politik, wie sie sieben Jahre lang in der Bundesregierung vertreten war.

Fücks verteidigt selbstverständlich die grünen Parteien, auch gegen Giddens Versuche als marginal darzustellen. Kommt aber letztlich nicht an, gegen dessen Feststellung:

Zweitens dreht es sich nicht darum, den Planeten zu retten, wie so viele Grüne behaupten, sondern darum, einen annehmbaren Lebensstil zu erhalten.

Das ist sowohl richtig, als auch gefährlich: Wessen Lebensstil?

Das zweite große Thema im Heft ist Desertec (Deutschland in die Wüste schicken?): Das riesige Solarprojekt deutscher Großunternehmer in Nordafrika.
Nur auf den ersten Blick scheint es eine anderes Thema zu sein, als das Interview. Doch schnell wird klar: Wieder geht es um die Aussöhnung der Interessen der Gesellschaft und dem antagonistischen Interesse des Kapitals.

Viele Energieexperten betrachten den vermeintlichen Gegensatz [zwischen dezentraler und zentraler Energieproduktion] ebenfalls als Teil einer
Luxusdiskussion.

Zwar sieht der Autor Hannes Koch das Problem der Regulierung (also wer besitzt den Strom?), beschränkt sich aber auf dessen Feststellung der Aussage des Desertec-Aufsichtsrats, dass das eine Frage für die Politik sei. Die Heinrich-Böll-Stiftung scheint zu vergessen, dass sie damit gemeint ist.

Stattdessen geht die Werbeveranstaltung gleich weiter, diesmal kommt „Initiator und Aufsichtsratsvorsitzender“ Gerhard Knies selbst zu Wort. Diesem gelingt es seine geschäftlichen Interessen als globale Sicherheitsinteressen darzustellen, bei denen Kosten keine Rolle spielen dürfen “ – wie bei einem Notarzteinsatz“.
Wobei seine Kosten damit nicht gemeint sein dürften, sondern die Kosten, die die Regierungen der „EUMENA“-Region zu tragen haben werden.

Bleibt vorerst nur zu sagen, dass sich fortschrittliche Energiegewinnung „eben nicht in Form von zentralistischen, neokolonialen Projekten wie Desertec [manifestiert] […] sondern [durch] dezentrale Kraftwerke und Netzwerke“ (benni von keimform.de mit einem Artikel in der aktuellen arranca!).


1 Antwort auf „Dafür hasse ich die Grünen“


  1. 1 Marjane 04. Februar 2010 um 23:52 Uhr

    jawoll!

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