Gleicher Arbeitszwang für alle!?

„Gleicher Arbeitszwang für alle“ (Manifest der kommunistischen Partei)

So heißt es lapidar im 10-Punkte-Plan zur Errichtung der klassenlosen Gesellschaft.
Dieser Satz sorgt immer wieder für Streit, vor allem vor dem Hintergrund eines geforderten „Recht auf Faulheits“, riecht doch Arbeitszwang nach Zwangsarbeit, Arbeitslager und Totalitarismus. Was bewegte also Marx/Engels zur Formulierung dieser Forderung, die doch so reaktionär klingt, aber fortschrittlich sein soll?
Erklärungsversuche

1. Auch die Bourgouisie, das Erwerbslosen und wie sie alle heißen, sollen arbeiten, wie die Arbeiterinnen bisher. Notwendigerweise, da jede Arbeitskraft gebraucht wird, um die menschliche Gesellschaft zu errichten (wird sie heute dank Produktivkraftsteigerung noch gebraucht?).

2. Weil keine mehr genötigt sein soll, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Deswegen wird sie gezwungen, sie unentgeltlich herzugeben, für Alle. Die Subsumption der Körper unter das Kollektiv. Da die Arbeiterinnen ihre Arbeitskraft nicht mehr verkaufen, wird sie einfach so gefordert: Zwang. Die Allgemeinheit erhält alle Früchte der Arbeit und verteilt sie intern. Alle Menschen werden zu Arbeiterinnen und alle Arbeiterinnen zu Untertanen. Und Gleichzeitig werden alle Menschen der politische Körper, der alle anderen unterwirft. Das klassische Dilemma der Staatstheorie(, das hier nicht wirklich gelöst wird).

3. Nur der gleiche Arbeitszwang für alle garantiert, dass sich nicht wieder neue besitzende und arbeitende Klassen herausbilden. Die Betonung liegt hier auf „gleicher“ Arbeitszwang. Nicht mehr und nicht weniger für andere.
ABER: Arbeitszwang auch für Parteimitglieder?

Wie kann überhaupt einer, der nicht selbst arbeitet, diese Forderung aufstellen? Muss er dann nicht schon jetzt in die Produktion gehen? Oder darf er sich dann doch jetzt ausruhen und glücklich schätzen? Wohl kaum, da das Ziel sich nicht ohne Verausgabung der Arbeitskraft erreichen lässt, folglich nicht gewünscht ist, dass einige ihre Arbeitskraft nicht hergeben.

Was dann in der bedrohenden These „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ den logischen Abschluss findet. Wer nicht arbeitet, besitzt, wer nicht besitzt, muss arbeiten. So sei das in der bürgerlichen Gesellschaft, und die Bürgerinnen sollen nicht mehr satt werden, sollen Arbeiterinnen werden. Welche sich dann aber nicht der Allgemeinheit unterwirft und ihre Arbeitskraft nicht hergibt, soll nicht essen, kein Mitglied sein.
Wiederholt das klassische Dilemma. Und jetzt? Ist die Aussicht auf Arbeitszeitverkürzung ein Trost?


6 Antworten auf „Gleicher Arbeitszwang für alle!?“


  1. 1 StefanMz 31. Januar 2010 um 19:21 Uhr

    Der Witz ist doch: Der gleiche Arbeitszwang für alle ist verwirklicht, und zwar hier und heute im Kapitalismus. Die echten Müssiggänger, die es angeblich beiseite zu schieben gelte (Internationale), gibt es doch so gut wie gar nicht (mehr?). Kapitalisten, Selbstständige und Abhängige sind dem Arbeits- und Verwertungszwang gleichermaßen unterworfen, und Arbeitslose müssen ihre Unterwerfungsbereitschaft permanent simulieren (Hartz-4).

    Nein, nein, Emanzipation gibt es nur jenseits von Entfremdung und Arbeit(szwang). Das wusste der junge Marx noch ganz genau (obwohl er zu Zeiten des Manifests auch erst 30 war).

  2. 2 Administrator 01. Februar 2010 um 16:18 Uhr

    Ich stimme dir zu, dass Emanzipation mit dem Überwinden der Arbeit zur Bedürfnisbefriedigung zu tun hat.
    Aber vom gleichen Arbeitszwang hier und dort würde ich nicht sprechen. Sie unterscheiden sich doch, vor allem darin, wie gezwungen wird, das heißt auch wozu und von welcher Kraft.
    Der junge Marx hatte auch seine Probleme mit dem klassischen Dilemma der Staatstheorie. Warum muss die Gesellschaft sich selbst unterwerfen? Da steckt auch dein Problem mit dem Arbeitszwang, oder? (beim Unterwerfen)

  3. 3 StefanMz 03. Februar 2010 um 10:02 Uhr

    Ja, die Selbstunterwerfung der Gesellschaft (unter die Imperative der Ökonomie nämlich) ist ein Problem des Arbeitszwangs, der ein Ökonomiezwang ist: Die Gesellschaft kann sich nur vermittels der Unterordnung unter die ökonomische Logik der Verwertung reproduzieren. Der junge Marx ahnte das und sprach deshalb noch von der »Aufhebung der Arbeit« (unter nicht nur von der Verfügung über den durch Arbeit geschaffenen Mehrwert).

  4. 4 Torsten 05. Februar 2010 um 17:52 Uhr

    Arbeit, was ist das? Wer legt das fest? Was sind die Kriterien?

    Oder gibt es etwa einen gesellschaftliche durchschnittlichen, objektiv vorhandene Bedeutung von „Arbeit“? – Wenn das so ist, was bedeutet es dann für diesen Begriff, dass Arbeit im deutschsprachigen Raum auf das mittelhochdeutschte „arabeit“ (Mühsal) und als work im englischsprachigen Raum auf das proto-germanische „wurkijanan“ (wirken, operieren, funktionieren) und als работа im Slawischen auf „rabu“ (Sklave, Knecht) zurückgeht?

    Was bedeutet das für eine Diskussion über Arbeit und Arbeitszwang? Dass sie in Rußland anders geführt werden müsste als in England und anders als in Deutschland?

  5. 5 Torsten 05. Februar 2010 um 18:19 Uhr

    Sehr empfehlenswert ist der Eintrag „Arbeit“ im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen vom Akademie Verlag. Da kann man schön verfolgen, wie sich „Arbeit“ im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat.
    Im Althochdeutschen noch „Mühsal, Plage, Anstrengung“ und interessanterweise auch „Ertrag der Arbeit“, im Neuhochdeutschen „schwere körperliche Anstrengung“ mit besonderem Hervortreten der Bedeutung „Mühsal, Not, die man leidet oder freiwillig übernimmt“ im Mittelhochdeutschen.

    Eine positive Bewertung von Arbeit kann etymologisch erst viel später nachgewiesen werden und könnte mit dem Einfluss des aufsteigenden Bürgertums und der Entwicklung des Kapitalismus zusammenhängen. Marx und Engels bedienen sich also eines aus ihrer Sicht objektiv vorhandenen Begriffes, der jedoch durch äußere Umstände aufgeladen ist. (siehe „Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ vom Akademie Verlag, 1992)

    Für mich sieht das so aus, als ob Marx und Engels beim Verfassen ihrer Analyse des Kapitalismus mit dem zentralen Begriff „Arbeit“ in hohem Maße ein Werkzeug verwendeten, welches durch den Kapitalismus geprägt war. Müsste man nicht einen nicht-kapitalistischen Arbeitsbegriff verwenden (ggf. einen vor-kapitalistischen) um darüber zu reden, wie Arbeit im Nicht-Kapitalismus aussehen kann?

  6. 6 Administrator 05. Februar 2010 um 19:23 Uhr

    Mehr als Wörterbücher würde ich Bücher aus der Arbeitssoziologie zu Rate ziehen. Mikl-Horke beschreibt die Geschichte des Begriffs „Arbeit“ aus dem römischen Imperium bis heute und er war schon immmer ambivalent.

    Heutzutage meinen wir mit Arbeit meistens Lohn-/Erwerbsarbeit und weniger solche kräfte-/zeitraubenden Dinge wie Hausarbeit und Pflege. Auch Marx/Engels meinen diese Tätigkeiten.
    Vermutlich auch beim Arbeitszwang: Arbeit, die Gebrauchswerte herstellt. Ich würde ja Pflege da auch zu zählen.

    In der klassenlosen Gesellschaft wird es entweder keine Arbeit geben oder der Begriff wird anders besetzt sein.

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